Predigt 19.04.2020

Predigt Jesaja 40,26-31

Vor ein paar Wochen habe ich von Matthias Horx im Internet den Artikel:

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei” ist, gelesen.

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im Oktober 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten sich viele sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren zu einem Halt kam.

Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen.

Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus.

Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren hervor. Man kommunizierte wieder wirklich.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge.

Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Wir werden uns wundern. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Wir werden uns wundern. Unsere Gottesdienste sind gut besucht. Menschen freuen sich auf Gottes Wort. Wann an welcher Stelle die Bekanntgaben kommen, ob wir eine Zeit der Stille haben, gibt es eine oder zwei Lesungen, dass alles spielt keine Rolle mehr. Wir treffen uns regelmäßig zum Gebet. Das Leute bei uns in der Gemeinde Heimat finden und wir sie zu Jüngern machen, wird uns immer wichtiger.

Wir haben gelernt ehrlich und offen über unsere Ängste zu sprechen. Das hilft uns auch aufeinander Acht zu geben, sich nach dem anderen zu erkundigen. Es gibt einen Besuchsdienst, der sich trifft und sich darüber austauscht: Wer braucht unsere Hilfe? Wen müssen wir anrufen? Wer wartet auf unseren Besuch?

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

Mir hilft dieser Blick. Hilft dabei Ereignisse oder auch Texte zu verstehen, die uns andernfalls fremd bleiben.

Dabei ist dieser Text aus dem Jesajabuch uns ja eigentlich nicht fremd. Wir haben ihn vermutlich schon öfter gehört und manche Verse haben sich eingeprägt, weil sie von großer Kraft sind.

„Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an meinem Gott vorüber? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt; sein Verstand ist unausforschlich. … Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler …“

Wir schreiben das Jahr 550 vor Christus. Oder nach jüdischem Kalender das Jahr 3230 nach Erschaffung der Welt. Die nach Babylon geführten Juden allerdings rechnen anders. Sie schreiben das Jahr 40 nach der Zerstörung des Tempels. Das ist der Punkt, an dem ihr Leben aufgehört hat, einen Sinn zu haben.

Sie leben im fremden Land. Man kann eine fremde Sprache lernen, fremde Gewohnheiten annehmen, sich mehr oder weniger integrieren.

Anders sieht es aus, wenn man nicht freiwillig in einem Land lebt. Wenn man gezwungen wurde, dem eigenen Land den Rücken zu kehren und ins fremde Land zu gehen.

Am Schwersten ist es, wenn die Religion, der man angehört, verbunden ist mit dem Besitz des verlorenen Landes.

Wenn man in jedem Gottesdienst daran erinnert wird, was für ein großes Werk Gott getan hatte, als er den Vorfahren das Land Israel gegeben hatte, in dem Milch und Honig floss und gleichzeitig daran denken muss, dass man dort nicht mehr lebt. Das lässt die Wunde jedes Mal aufs Neue bluten. Da fragt man sich, wo Gott ist, ob er gerade verreist ist oder Besseres zu tun hat.

Dabei feierten sie ja noch ihre Feste. Feierten Passa als Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Sagten vielleicht auch „Dieses Jahr feiern wir hier in Babylon. Mögen wir Passa nächstes Jahr  in Jerusalem feiern.“

Und so stelle ich mir nun vor, der unbekannte Prophet, von dem wir nicht einmal den Namen wissen, sei mit seiner Botschaft zum ersten Mal bei einer solchen Passafeier aufgetreten. Vielleicht hat er am Ende gesagt: „Ihr habt jetzt Worte gesprochen, an die ihr selbst nicht glaubt. Gibt es irgendjemanden unter euch, der das glaubt?“

Allgemeines betretenes Schweigen. Wer konnte schon daran glauben, dass die Babylonier sie freiwillig zurückkehren ließen in ihr Land? „Ich dachte es mir“, fährt der Mann fort. „Es war nur ein Spruch. Etwas, was man eben sagt. Ich sage euch: Ihr werdet es noch erleben, dass ihr Passa in Jerusalem feiern könnt. Vermutlich nicht nächstes Jahr. Aber im Jahr darauf.“

„Wie soll das gehen?“ fährt ihm einer in die Parade. „Gott selbst wird uns herausführen“, erwidert der Mann ruhig. „Er wird einen Befreier senden. Damals hat er Mose gesandt. Diesmal wird er uns einen neuen Mose erwecken.“

Die Leute sehen ihn an wie einen Außerirdischen. Sie möchten gern glauben, was sie hören, aber sie können es nicht.

Selten ist mir ein biblischer Text so nah gekommen wie dieser. Gott hat die Macht, den Müden wieder neue Kraft zu geben, Die Gefangenen aus ihrem Exil zu führen. Und er wird damit auch nicht mehr lang warten, sondern er wird Israel befreien.

Aber zugleich weiß der Verfasser auch, dass sein Glauben etwas Visionäres hat. Und Visionen werden bekanntlich nicht von allen geteilt. Manchmal ist die Verzweiflung zu groß, manchmal die Resignation. Resignation kann auch schützen. Erwartungen, die geweckt und dann nicht erfüllt werden, tun weh. Irgendwann kann man den Schmerz nicht mehr ertragen.

In diesem Jahr haben wir etwas getan, was wir noch nie erlebt haben. Wir haben Ostern nicht im Gottesdienst gefeiert.

Wir haben nicht gemeinsam  „Auferstanden“ gesungen.

Vielleicht war die Familie um uns, aber viele werden auch allein vor dem Fernseher und haben eine leere Kirche gesehen, mit einem einsamen Pfarrer oder einer einsamen Pfarrerin vor dem Altar sowie ein paar Sängerinnen und Sängern.

Die Pfarrerin hat sich viel Mühe gegeben den Gottesdienst lebendig zu gestalten, aber die leeren Bänke waren nicht zu übersehen.

Manchmal wird uns erst bewusst, was wir gehabt haben, wenn es uns fehlt. So ist es wohl auch mit den Gottesdiensten.

Wir konnten sie besuchen, gemeinsam beten und Lieder singen, der Predigt zuhören oder sie verschlafen. Manchmal haben wir den Gottesdienst geschwänzt, weil wir zu müde waren oder lieber spazieren gehen wollten. Am nächsten Sonntag konnten wir ja wieder hingehen. Dass es am nächsten Sonntag wieder einen Gottesdienst geben würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Und plötzlich ist alles anders.

Noch ist es nicht vorüber. Wir leben immer noch in der Welt, in der der Tod mit Macht zuschlagen kann.

Aber auch die Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi ist unter uns. „Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Vielleicht hat es etwas leiser geklungen als in früheren Jahren, weil es von den Bildschirmen kam und wir es zum Bildschirm sagten, aber wahr bleibt es dennoch.

Oder um es mit den Worten unseres Predigttextes zu sagen: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde und matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Ich kann es glauben. Auch wenn ich mich manchmal davor fürchte, zu viel Hoffnung zu haben.

Noch eins: Wie beginnt unser Text?

Hebt Eure Augen in die Höhe!

Versucht, diese Bewegung einmal für sich nachzuvollziehen: Den Kopf heben!

Merkt ihr, dass sich dadurch eure ganze Körperhaltung verändert? Ihr werdet aufrechter, der Oberkörper wird weiter, ihr bekommt  mehr Luft.

Ich hoffe, dass wir alle diese Erfahrung machen können: Wir werden wieder aufatmen, Kraft bekommen und weiterlaufen können.

Und ich wünsche mir, dass wir das nicht vergessen, was wir in dieser Passionszeit 2020 erlebt haben, dass unser persönliches Exil und hoffentlich auch unsere ganz persönliche Auferstehungserfahrung unser Leben in ein ganz neues Licht stellen können.

Und dass wir aus diesem notwendigen derzeitigen Exil wieder in ein ganz neues Miteinander finden werden, in dem wir uns daran erinnern, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind und Miteinander und füreinander leben können. Gott helfe uns dabei, uns allen. Er lasse uns neu geboren werden

 

AMEN

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