Predigt vom 24.05.2020

Epheser 2,8

Im methodistischen Kalender ist der 24. Mai ein besonderes Datum.
Am 24. Mai 1738 war John Wesley in einer Versammlung der Herrnhuter Brüdergemeine und er hörte die Verlesung der Vorrede Luthers zum Römerbrief. „Aber der Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott und den alten Adam tötet, aus uns ganz andere Menschen in Herz, Gemüt, Sinn und allen Kräften macht und den heiligen Geist mit sich bringt.“
Diese Worte Martin Luthers gingen John Wesley zu Herzen.
Später schrieb er in seinem Tagebuch: „Mein Herz wurde seltsam erwärmt. Mir wurde eine Gewissheit gegeben, dass er meine Sünden weggenommen hatte, gerade meine, und dass er mich vom Gesetz und von der Sünde erlöst hatte.“

Schon vor dieser Erfahrung war John Wesley ein frommer, engagierter anglikanischer Geistlicher gewesen. Von da an war er seines Heils gewiss und er konnte ansteckender predigen und überzeugender lehren.

Die erste Predigt, die Wesley nach seinem Aldersgate-Erlebnis hielt, hatte Epheser 2,8 zur Grundlage. „Aus Gnade gerettet“, das hatte Wesley gerade verstanden.

.„Aus Gnaden gerettet“
Gnade ist eine Zuwendung, die man weder kaufen, noch erarbeiten, noch einklagen kann. Sie wird einem großzügig geschenkt.

Gnade ist ein Geschenk, also etwas, das wir umsonst empfangen. Gott rettet uns aus Gnade und wir empfangen diese Rettung durch den Glauben.

Lasst mich das an einem Beispiel deutlich machen:
Es klingelt, ein Paketbote steht vor der Tür. Er überreicht uns ein unförmiges Paket, auf dem groß steht: „Geschenk für dich!“
Natürlich sind wir skeptisch. Wer schenkt schon etwas, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
Als Absender ist Gott vermerkt.
Auch das lässt stutzig werden. Was will Gott uns schenken?
Wir öffnen das Paket und finden darin einen Stuhl. Er sieht eigentlich ganz normal aus. Auf dem Sitzpolster ist ein Zettel befestigt:
Reserviert für dich!

Was bedeutet dieser Stuhl? Er ist das Geschenk, das Gott uns mit seinem Sohn Jesus Christus macht. Er schenkt uns einen Sitzplatz im Himmel.

Dieses Geschenk können wir nirgends bestellen und mit Kreditkarte bezahlen. Es kommt frei Haus, unverdient, oft unerwartet, in Zeiten, wo wir am wenigsten damit rechnen, beschenkt zu werden.
Was bedeutet uns dieser Stuhl?
• Stellen wir ihn achtlos in die Ecke, weil wir uns in unserem Alltagssessel viel zu wohl fühlen, um den Stuhl zu beachten?
• Haben wir Angst, den Stuhl anzunehmen, weil wir fürchten, damit in eine Falle zu geraten?
• Oder stellen wir den Stuhl in die Vorratskammer für schlechte Zeiten – wenn es uns an Hoffnung und Zukunftsperspektive mangelt?
• Ist Jesus Lebensretter oder Wochenendbeziehung? Um diese Frage geht es, wenn wir Gnade geschenkt bekommen.

Gnade passt folglich nicht so richtig in unsere Zeit.
Wir legen großen Wert auf unsere Unabhängigkeit. Niemand will auf den Liebesdienst anderer angewiesen sein. Sogar Geschenke sind zur Ware geworden.
Ich habe eine Frau kennengelernt, die aufgeschrieben hat, was sie zum Geburtstag erhalten hat. Das „Gegengeschenk“ sollte ähnlich viel kosten.

Das Geschenk kann ich eingepackt stehen lassen, gar zurück senden oder annehmen. Wenn ich es annehme, verändert es mein Leben. Dieser Stuhl, der für mich reserviert ist, gibt mir eine neue Perspektive.
Ich wechsle die Seiten. War es bis jetzt wichtig, dass ich zu meinen Zielen komme, dass es mir gut geht und sich alles für mich gut fügt, so sehe ich auf mein Leben mit Gottes Augen.
Ich entdecke:
• Ich hatte das Ich größer geschrieben als das Du.
• Ich hatte an Verletzungen festgehalten und war nicht bereit zur Versöhnung.
• Ich hatte andere benutzt, um selbst voranzukommen

Doch auch gegenüber Gott bin ich schuldig geworden.
Ich habe nur mit meinen Möglichkeiten gerechnet und bin daran oft genug verzweifelt.
Dieser Blick auf mein Leben macht mir klar, wie nötig ich Gottes Gnade brauche. Ich kann mich selbst nicht von der Kraft des Bösen befreien. Das kann nur Jesus und er will es tun.
Ich brauche nur zu glauben, dass Jesus für mich gestorben ist, das ich gesündigt habe und Gott meine Sünden zu bekennen.

Doch wie geschieht es heute ganz konkret?
Vielleicht kann eine Liste helfen, auf der alle Punkte aufgeschrieben werden, die mich von Gott trennen.
Das Schwierigste ist das Aufräumen.
Den Boden entrümpeln, den Keller wieder begehbar machen. Bei einem Umzug steigert sich das: alles muss man anfassen, eins ums andere mal entscheiden: soll es mit, soll es weg?! Oder nochmal überlegen? Aber wohin damit bis dahin…
Aber irgendwann muss ich mich entscheiden…Das Richtige aufheben, das Unnütze wegwerfen, das ist die Kunst.

Wenn ich alles aufschreibe, was mich von Gott trennt, was ich wegwerfen möchte und diese Liste dann zerreiße, kann ich mir ganz bildhaft vor Augen führen, Gott hat ein neues Kapitel aufgeschlagen. Er kramt nicht mehr in den alten Sündenregistern herum.

John Wesley wurde nicht müde, von der Gnade Gottes zu reden, also davon, dass Gott uns in seiner Güte das Heil in Christus schenkt.
Er sagte, dass diese Gnade vorlaufend – rechtfertigend und heiligend wirkt.
Vorlaufend: Gott weckt in uns die Sehnsucht nach ihm.
Rechtfertigend: Gott erneuert unser Leben grundlegend. Was Gott in Christi Tod und Auferstehung tat, gilt uns schon längst.
Heiligend: Gott verändert unser Leben, so dass wir seinem Bild ähnlicher werden.

Jesus hat die Gnade die er uns schenkt alles gekostet. Sein Leben
und alles was ich jetzt tun muss, ist zu dieser Gnade ja zu sagen.
Gnade ist Gottes Geschenk an uns.
Wir haben schon einen reservierten Platz im Himmel.
Das dürfen wir im Glauben annehmen und alles von uns nehmen lassen, was zwischen Gott und uns steht. So können wir in dieser Gnade unseren Weg gehen in den Aufs und Abs des Lebens, gehalten von Gott, ermutigt von ihm, uns weiter zu entwickeln und selbst die Gnade durch unser Handeln zum Ausdruck zu bringen.

Lasst mich zum Schluss noch eine Geschichte erzählen:
Ein Mönch sitzt an einem See und sieht wie ein Skorpion ins Wasser fällt und versinkt. Das Tier kämpft ums Überleben. Da greift der Mönch mit der Hand in den See und holt den Skorpion aus dem Wasser. Bei der Rettungsaktion sticht der Skorpion dem Mönch in die Hand.
Dann fällt der Skorpion zum zweiten Mal ins Wasser und gerät wieder in Lebensgefahr. Der Mönch greift wieder ins Wasser, um den Skorpion zu retten. Dies gelingt auch. Und zum zweiten Mal sticht der Skorpion den Mönch.
Der Skorpion fällt ein drittes Mal ins Wasser und droht wieder zu ertrinken. Und zum dritten Mal greift der Mönch ins Wasser rettet den Skorpion und wird zum dritten Mal gestochen.
Ein Mann sieht das und fragt den Mönch: Ich verstehe dich nicht. Warum tust du das? Warum hilfst du einem Skorpion, der dir dreimal in die Hand sticht?
Der Mönch antwortet: Es liegt in der Natur von uns beiden. In der Natur von dem Skorpion liegt das Stechen, in der Natur eines Mönches liegt es, barmherzig zu sein – immer wieder und immer wieder.
So wie der Mönch handelt, das ist Gnade.
Gott geht den Menschen immer wieder nach. Und es ist der Weg Jesu, allen die Hand zu reichen und sie zu retten, wieder und wieder.
Das ist Gnade.
Würde ich so handeln wie der Mönch? Nein! Da, wo ich längst aufgeben würde, wo meine Liebe längst zu Ende ist, weil sie verletzt ist und gekränkt, da reicht Gottes Liebe immer noch hin.

Amen

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