Predigt 01.11.2020

Vor 20 Jahren stand auf dem Einladungsplakat zu Einweihung der Kirche in Mildenau:
In nur siebenmonatiger Bauzeit entstand für unsere Gemeinde ein neuer Kirchsaal,
den wir am 31. Oktober 2000 einweihen können. Vorher lebte und wuchs die
Gemeinde 87 Jahre in dem am Ende knapp 100 m² großen Saal. 1913 erbaut, gab es
zunächst noch mehrere Wände, die schnell dem Platzbedarf wichen. Zuletzt wurde die
Garderobe in den Keller verlegt, damit das sogenannte „Stübel“ als Raum mit nutzbar
war.
Heute befindet sich nun an dieser Stelle eine Gemeindeküche. Die Garderobe ist auch
wieder oben. Ein schöner Gemeinderaum entstand. Aber nicht nur das. Wer die
Kellerräume aufsucht findet dort einen großen Gruppenraum sowie einen
Jugendraum. All das wurde seit dem 31.Oktober in vielen Arbeitsstunden
fertiggestellt. Nun wollen wir feiern und laden dazu ganz herzlich ein.
„Dankt und dient dem Herrn!“
Das ist uns nicht nur ein Festwochenthema, sondern Thema einer jeden christlichen
Gemeinde.
 Vor 20 Jahren, da war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt.
 Da hat der Posaunenchor gespielt
 Da waren viele Kinder da
 Da brauchten wir keinen Mundschutz
 Da saßen wir nicht in einem Abstand von 1,50 m
 Da haben wir uns am Ausgang die Hand gegeben
Das können wir jetzt bedauern, dass etwas Schönes vorbei ist, oder wir können uns
freuen, dass wir so etwas Schönes erleben durften.
Ich möchte diesen Spruch gerne ergänzen:
dass wir auch in diesen Tagen etwas Schönes erleben dürfen.
Auch mich überkommt gerade jetzt die Sehnsucht nach so manchem,
was vor der Corona – Krise noch möglich war:
Die Begegnung mit Menschen „ohne Sicherheitsabstand“, die Nähe zueinander,
eine Umarmung, persönliche Gespräche, Konzerte, das Feiern von Festen.
Und doch gibt es sie auch jetzt: die vielen kleinen Zeichen durch einen lieben
Kartengruß, einen persönlichen Brief, ein gutes Gespräch am Telefon, ein herzliches
Lachen, eine freundliche Nachricht per SMS oder Email oder ein Austausch via Skype,
bei dem man sich virtuell begegnen kann.
Dankbarkeit und Demut lehrt uns diese Zeit.
Nicht wir sind es, die alles tun und schaffen können.
Es ist an der Zeit, inne zu halten und sich auf das zu besinnen,
was wirklich wichtig im Leben ist,
wer wichtig in unserem Leben ist.
„Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen, denn das
ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“ (1. Thessalonicher 5, 18)

Dieser Vers enthält eine interessante Antwort auf eine zentrale Frage, die wir als
Christen haben: was will Gott von mir?
Im Prinzip hat sich alles in unserem Leben seit dem II Weltkrieg stetig zum Positiven
verändert: das Pro-Kopf–Einkommen, die Größe unserer Wohnungen, die Anzahl der
Autos pro Person ebenso wie die der Urlaube. Die soziale Sicherheit hat sich extrem
verbessert.
Ein kurzer Blick zurück: Hätten wir nur 150 bis 200 Jahre früher gelebt – eine
historisch gesehen sehr kleine Zeitspanne – wäre unsere Situation eine andere. Die
freie Berufswahl wäre in vielen Fällen nicht möglich, eine Mutter hätte damit zu leben,
von ihren 7-8 Kindern 3-4 zu verlieren. Operationen wurden ohne Narkose und ohne
das Bewusstsein für Hygiene durchgeführt. Die Rechte der Frau waren praktisch nicht
vorhanden, Seuchen war man weitgehend hilflos ausgesetzt. Die Lebenserwartung
war noch vor einem Jahrhundert um die Hälfte niedriger, und gute oder schlechte
Ernten wirkten sich direkt auf die Menge der Nahrung aus, die einem zur Verfügung
stand. Die hygienische Situation war unbeschreiblich viel schlechter.
Also: Insgesamt hat sich vieles verbessert. Extrem verbessert. Während sich
Menschen vor nicht allzu langer Zeit noch häufig mit leerem Magen schlafen legen
mussten, stehen heute praktisch jedem preiswerte Lebensmittel zur Verfügung.
Während sich praktisch alles verbessert, wurde die Anzahl der Menschen, die sich als
„glücklich“ bezeichnen, laufend geringer.
Was ist das Geheimnis hinter dieser unheimlichen Differenz?
Halten wir zunächst mal fest: alle Gaben, die wir erhalten – Nahrung, Gesundheit,
Partner, Haus, schickes Auto, Anerkennung, eine interessante Arbeit, eine Begabung,
egal ob künstlerischer oder sportlicher Art – können uns erfreuen.
Sie können uns nicht erfüllen.
Erfüllen kann uns nicht die Gabe, sondern nur der Geber.
Und Dankbarkeit – ich zitiere hier Bonhoeffer – Dankbarkeit sucht über die Gabe den
Geber.
Eine erste Antwort auf die Frage:
Was will Gott von mir?
Er möchte, dass ich ihn als den Geber meines Lebens sehe. Und ihn dafür
dankbar bin.
Was bewirkt dieser Dank?
Wenn ich für etwas danke, mache ich mir bewusst, dass es nicht verdient ist, dass ich
Gott die Ehre für etwas gebe. Es macht mir bewusst, dass ich von Gott etwas
geschenkt bekommen habe.
Meine Nahrung beispielsweise. Meinen Partner. Meinen Arbeitsplatz. Meine Wohnung,
mein Haus. Den Sonnenuntergang. Den schönen Tag. Indem ich das tue, sehe ich all
das immer weniger als selbstverständlich an. Ich fühle mich in einem immer
stärkeren Maße als Beschenkter.

„Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an
euch!“
Dankbarkeit das trotzige Festhalten an dem Vertrauen auf Gott.
Mir fällt die Missionarin Corrie ten Boom ein, die mit ihrer Schwester in ein deutsches
Konzentrationslager kam. Sie und ihre Familie taten Gutes – sie haben Juden bei sich
versteckt.
Die Folge war die Einlieferung in ein namenloses Elend. Corrie ten Boom und ihre
Schwester haben heimlich Bibelstunden abgehalten. Schließlich starb ihre Schwester
im Lager.
Corrie ten Boom hat an dem Vertrauen auf Jesus Christus festgehalten, und eine
eigentümliche Sicht auf ihre Zeit im KZ entwickelt. So sagte sie: „Glaube wird stark
im Dunkel der Anfechtung!“ Und: „Fotos werden in dunklen Räumen
entwickelt!“
Dankbarkeit ist eine Entscheidung!
Ich glaube an Gott. Ich glaube, dass die Menschheit ohne Gott verloren ist, aber dass
Gott in Christus in die Welt gekommen ist, um den Menschen Erlösung zu bringen.
Dass Jesus Christus die Schuld der Welt auf sich genommen hat.
Ich kann mein Leben dem anvertrauen, der meine Schuld getragen hat.
Dafür kann ich dankbar sein. Am Kreuz kann man Dankbarkeit lernen.
Wie kann Dankbarkeit praktisch werden?
Ich habe da ein paar gute Tipps gehört, zum Teil praktiziere ich sie:
 Schreiben wir uns doch mal fünf Dinge auf, für die wir dankbar sind! Danken wir
regelmäßig dafür!
 Danke doch mal für einen Menschen, für den zu danken Dir schwer fällt!
Danken verändert ja unser Denken. Möglicherweise wirst Du zunehmend
Probleme kriegen, diese Person abzulehnen.
 Danken wir, wenn wir im Dunkel sitzen, in das Dunkel hinein! – „Gott, ich weiß,
dass Du es letztlich gut meinst, und dafür danke ich Dir! Du wirst mich nicht im
Dunkeln lassen!“
Ich bitte Gott vorsichtig darum, mich dankbarer zu machen. Ich möchte immer
bewusster dankbar für das werden, was mir Gott schenkt. Und je länger ich darüber
nachdenke, umso mehr beginne ich zu staunen.
Hab ich alles, kann ich alles, was ich will?
Nein. Aber man kann ein erfülltes Leben haben, ohne alle Wünsche erfüllt zu
bekommen.
Dankt und dienst dem Herrn
Als ich mich heute Morgen an den gedeckten Frühstückstisch gesetzt habe, dachte ich
mir, man müsste viel dankbarer sein, dass das Leben hier bei uns trotz der Krise noch
so gut weitergeht.
Ein „Danke schön“ an unsere Müllabfuhr. Ein herzlicher Dank an die Mitarbeiterinnen
unserer Einkaufsmärkte, die bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit arbeiten. Natürlich
auch an die Lkw-Fahrer, die die Waren liefern. Ein großer Dank gilt unseren Ärzten
und ihren Sprechstundenhilfen.
Einen Dank an die Schwestern und Pfleger unserer Sozialstationen. Vielen Dank an
die Chefs unserer Gasthäuser, ihre Köche und Bedienungen.
Nicht zu vergessen der Dank an unsere Gemüsebauern, die unermüdlich für gesundes
Gemüse sorgen.
Bestimmt fallen euch noch viele andere Menschen ein, denen man in diesen Tagen
einmal Danke sagen muss, für ihren Einsatz in schweren Zeiten.
Wir müssen aber in diesen Tagen auch an die Menschen denken, die gesundheitlich
mit den Folgen des Virus kämpfen. Denken wir an die Menschen, Ärzte, Schwestern,
Pfleger, die für die an dem Virus Erkrankten da sind.
Wir dürfen für die beten, die forschen, um diesen Virus zu stoppen, ja bekämpfen zu
können.
Wir denken auch an die Menschen, die unter den wirtschaftlichen Konsequenzen des
Virus zu leiden haben. Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Geschäftsleute,
Firmeninhaber bangen um das wirtschaftliche Überleben.
Vielleicht setzen wir uns in diesen Tagen immer wieder einmal hin, falten unsere
Hände zum Dank und zur Bitte. Ich bin mir sicher, dass wir alle gemeinsam diese
Krise meistern. Und vor allem leben wir als Christen nicht aus der Angst, sondern aus
dem Vertrauen, das uns trägt: „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz
gewiß an jedem neuen Tag.“
Amen

Karfreitag 2020

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Joh.3,16Weiterlesen…